Glaube & Leben

Landesbischof Ralf Meister

1362127795.original-f89bccab4832b4f681194fc70f9d4f62

Harpstädter Predigtreihe zur Jahreslosung 2014:
„Das Glück des Momentes“

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und unserm Herrn Jesus Christus, Amen.

„Sternstunden des Lebens“ des Lebens, so nannte, liebe Gemeinde, mein Großvater besondere Stunden. Wenn die ganze Familie zusammenkam, alle Enkelkinder am Tisch waren, man sich fröhlich erzählte, im Garten spielte, war das ein unbeschwertes Glück für uns Kinder, und es waren „Sternstunden des Lebens“ – wie mein Großvater sie nannte. Dieses Wort ist bei uns in der Familie tradiert worden. Auch meine Mutter benutzt dieses Wort gerade in den Jahren des Alterns häufiger. Immer dann, wenn es besonders intensive Stunden des Miteinanders in der Familie gibt, tauchen diese Worte beim Abschied immer wieder auf.

Es sind vergängliche Stunden, die vermutlich im Kreis der Familie Dankbarkeit mitschwingen lassen. Wir haben viel Glück, und doch halten wir uns selten für glücklich, höchstens zufrieden. Wir haben uns gewöhnt an die Wonnen des Normalen. Wenn wir nur des Alltäglichen Glanz und Wunder wieder sähen, vielleicht wüssten wir mehr vom Glück zu erzählen.

Ich möchte ihnen gerne vier Beispiele für das „Glück des Moments“ schildern. Was ist das Glück und wie stellt es sich dar? Glück will weitererzählt werden, Glück lässt uns ver-rückt werden, Glück wollen wir festhalten und Glück durchlebt das Leiden.
Vier kurze Attribute, Nebenwirkungen des Glücks, die in bekannten biblischen Geschichten erzählt werden. Glück von Menschen, die mit Gott zu tun hatten.

Glück wollen wir weitererzählen. Frauen machen es eher als Männer, Kinder sofort. „Mama, ich habe etwas Wunderbares erlebt!“. Schweigen sich Männer über Glücksmomente eher an, so erzählen Frauen stundenlang von den erfüllten Augenblicken. In der Bibel heißt es: „Und sie gingen hin und priesen und lobten Gott, für alles, was sie gehört und gesehen hatten.“ Lk 2, 20.

Es ist eine Männergruppe, die hier ins Erzählen kommt, weil sie etwas gesehen und gehört hat, was von diesem Augenblick an ihr Leben völlig verwandelte. Die Hirten in der Weihnachtsnacht. Ein Alltag wie immer. Dunkle Nächte, müde Gestalten. Und dann ein Licht, ein Satz: „Fürchtet euch nicht! Vielleicht ist das Glück auch die Furchtlosigkeit. Wir sind eine verängstigte Welt. Wir sorgen uns um das Leben, das eigene, das der anderen, wir sorgen uns um die Zukunft, die eigene, die der anderen, wir haben Angst vor dem, was einst kommen wird. Kommen nach dem „Danach“. „Fürchtet euch nicht!“ Die Furchtlosigkeit ist ein großes Glücksgeschenk, das die Hirten sofort verstanden haben. In den Glücksmomenten sind wir furchtlos, weil wir wissen, alles was sein wird, bleibt geborgen in Gott.

Glück wollen wir gerne festhalten. Sie waren oben auf dem Berg und dann passierte es. Auf einmal sahen sie Jesus, aber völlig anders, wie verwandelt. Die Verklärung Jesus auf dem Berg ist eine Erzählung von besonderem Glück für die mitziehenden Jünger. Was dort genau geschehen war, niemand weiß es. Aber was sagen die Jünger, die dabei waren: „Hier ist gut sein, hier wollen wir Hütten bauen.“
Wo wir glücklich sind, da wollen wir bleiben. „Ach, noch eine Woche Urlaub mehr…“ „Noch einmal wieder zurück an den Ort, wo….“ Soviel Sehnsucht nach dem Bleibenden. Aber die Begegnung ist einzigartig, die Erfahrung einmalig. Es gibt kein festhalten und es gibt kein zurück. Wandernde sind wir. Wandernde im Leben auf dem Weg zu Gott. Und jedes Jahr, jeder Tag ist erfüllt in sich. Jedes Glück, jeder erfüllte Moment trägt die ganze Verheißung schon in sich: Du bist in Gott und er bei Dir. Dieselben Orte wieder aufzusuchen und es wird dennoch nicht dasselbe sein. Glück lässt sich nicht wiederholen. Es geschieht, weil Gott uns entgegenkommt, jeden Tag.

Glück macht einen verrückt. Sie waren voll des Weins. Sie waren betrunken. Irgendetwas hatte sie so durcheinander gebracht, dass ihnen Stil und Sitte, Höflichkeit und Form völlig egal waren. Die bunte Pfingstgemeinde feiert eine Party im Heiligen Geist. Was war passiert? Der Spirit war nicht-alkoholisch und zeigte doch Doppelbilder, eine veränderte Welt. Der Heilige Geist formuliert eine Verheißung der gemeinsamen Zukunft. Sie feiern eine Zukunft, von der sie gerade den ersten Geschmack bekommen haben. Fremde und Heimische, Ferne und Nahe sind sich einig: Es steht uns etwas bevor, was jetzt gerade beginnt. Ich glaube, dass der Heilige Geist zur Kraftquelle werden kann, zum Glücksmoment. Denn wir leben zunehmend ohne gemeinsame

Bilder eines neuen Morgens in dieser Welt. Und wenn wir Bilder haben, dann sind es Bilder der Angst. Angst vor dem Tod, Angst vor dem Abschied. Andere haben wir oft nicht. Oder Bilder des gekauften Glücks. Ein neues Auto, eine neue Küche, eine Kreuzfahrt. Das ist eine Verödung der Zukunft. Wenn das, was mit Jesus Christus geschah, eine konkrete Zuwendung Gottes in diese Welt gewesen ist, dann wirkt sie weiter, über alle Zeiten hinweg. Und diese Wirkung bleibt eingespannt in das Auf und Ab unseres Lebens, in Glück und Unglück, in Sinn und Sinnlosigkeit. Hier und jetzt wirkt es, schon in dieser Welt, da bin ich gewiss und alle Bindungen an die Kräfte des Todes, die Gefangenschaften in den Gesetzen dieser Welt hebt der Geist auf. Im Moment des Glücks scheint alles andere irreal – Gott schafft eine neue Wirklichkeit.

Selig sind, die Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden. Vielleicht ist das das schwierigste Glück. Für Sie als trauernde Angehörige, heute in unserer Gemeinde, ist dieser Gedanke eine einzige Zumutung, unerträglich vielleicht. Leben gingen in den letzten Tagen zu Ende. Ein junges Leben ist zerbrochen an einer Wirklichkeit, die uns ins Gesicht schlägt und die von nichts und niemanden abgemildert werden konnte. All die Zukunftshoffnungen, die gemeinsame Zeit, das gemeinsame Tragen und Getragen-werden kamen für drei Familien zu einem Ende. Worauf noch hoffen an einem solchen Tiefpunkt, an dem Verzweiflung und Ausweglosigkeit sich allen Raum genommen haben? Selig sind, die Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden. Geliebte Menschen sind einen Schritt weiter gegangen. Sie hatten den Blick bereits gerichtet auf etwas, das besser, hoffnungsvoller schien als alles, was hier die Gedanken bestimmt hat. Weiter in eine Welt, in der sie im Moment weit weg scheinen.

„Sie freilich, die er uns nahm,
der geheime Verwandler,
schweigen sie dunkelen Schlaf,“ – so dichtete einst Albrecht Goes „lauschen sie fernem Gesang?
Oder wär’s, daß sie wirklich,
leicht nur ans Gitter gelehnt,
Nachbarn noch hießen
und Freund jeglichem Lassen und Tun?
Wär’s, daß wir rufen und sie
kommen, die selig Befreiten,
wär’s, und sie blieben für immer

liebend auf unserer Bahn.“

Der Theologe Klaus Peter Hertzsch hat einmal erzählt, wie er in einer Seelsorgesituation einer alten verdienten Dame aus der Gemeinde im Krankenhaus besuchte. Sie war eine getaufte Jüdin und hatte Theresienstadt überlebt. Nun konnte sie kaum noch sprechen, und so beendete er jeden Besuch bei ihr mit dem lauten Vorsprechen des 126. Psalms, den die Patientin mitmurmelte. „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, dann werden wir sein wie die Träumenden.“ Jeder Besuch endete mit dem gemeinsamen Sprechen dieser alten Psalmworte. Dann kamen einige Wochen, in denen er aufgrund eigener Krankheit diese Besuche unterbrechen musste. Schließlich erfuhr er aus dem Krankenhaus, dass die Frau bald sterben würde. Er machte sich auf ins Krankenhaus und saß bei ihr am Bett. Die Frau hatte die Augen geschlossen, er wusste nicht, ob sie ihn überhaupt noch erkannt hatte. Sprechen konnte sie nicht und so hielt ihr eine Zeitlang noch die Hand. Als er aufbrach, sprach er – eher in Erinnerung an das Gewesene – noch einmal ihren Psalm: „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, dann werden wir sein wie die Träumenden.“ Plötzlich, wie aus unendlicher Ferne, sprach sie mit: „…dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein.“ Sie war schon unendlich weit weg auf dem Weg, der der letzte ist, weit entfernt von der Wirklichkeit. Aber diese Worte hat sie noch mitgesprochen. „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und tragen edlen Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Gaben.“ Und dann hörte er von ihr noch ein leises „Amen“.

Momente des Glücks. Manche davon erleben wir in diesem Leben. Manche erst im Tod. und manche erhoffen wir für das kommende Leben. Und immer sind es Augenblicke in der Nähe Gottes, der uns entgegenkommt – „Sternstunden des Lebens.“

Amen